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25.06.2005 Welt, Meinung und Debatte:
Im Gespräch mit Carola Lakotta-Just, Vorsitzende
des Bundesnetzwerkes Europaschulen „Wir dürfen Europa
nicht von oben aufgedrückt bekommen“
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 „Nur was
ich kenne, beurteile ich differenziert.“ Der Satz von Carola
Lakotta-Just ist Maxime einer Lehrerin, die sich seit über einem
Jahrzehnt für ein Zusammenwachsen der Länder in Europa engagiert.
Die Pädagogin, die bereits 1991 ein Konzept für eine Europaschule
vorlegte, von 1992 bis 1994 den ersten Modellversuch „Lernen für
Europa“ in Sachsen-Anhalt leitete und seit acht Monaten Vorsitzende
des Bundesnetzwerkes Europaschulen ist, will junge Menschen für den
europäischen Gedanken begeistern. Grit Warnat sprach mit der
Dessauerin.
Volksstimme: Frau Lakotta-Just, als die
Deutschen Anfang der 90 er Jahre mitten in der Wende-Euphorie
steckten und sich ein Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten
erhofften, bauten Sie gedanklich schon an einem „Haus Europa“ in der
Schule. Woher hatten Sie damals diese Weitsicht?
Carola
Lakotta-Just: Das hatte nichts mit Weitsicht zu tun, sondern etwas
mit einem inneren Wunsch. Ich bin zwischen zwei Welten groß
geworden. Meine Eltern und ich lebten im Osten, der Rest unserer
Familie in Westberlin und im Raum Bonn. Mein Wunsch war es, so
schnell als möglich die Ost-West-Teilung überwinden zu helfen und
hinter uns zu lassen, ein Umfeld für unsere Schüler zu schaffen, das
offen ist für andere Völker, andere Sprachen, andere Kulturen. Als
Lehrerin wünschte ich mir eine Schule, die nach diesen Maximen
arbeitet, europäische Themen in alle Unterrichtsfächer integriert
und den Schüleraustausch mit gleichgesinnten Partnerschulen pflegt.
Bereits 1991 hatte ich die Idee von einer Europaschule. Seit 1994
gibt es in Dessau ein Gymnasium mit diesem Titel.
Volksstimme: Was macht das Besondere einer Europaschule aus?
Lakotta-Just: Europaschulen haben wie jede andere Schule
auch als erstes ihren Bildungsauftrag mit dem klassischen
Fachunterricht zu erfüllen. Darüber hinaus spiegeln jedoch
„Leitlinien einer Europaschule“ das besondere Profil wider. Für eine
Europaschule ist das vertiefende Wissen über Europa das Besondere.
Welche Angebote es konkret an der jeweiligen Schule gibt, ob
Europatage oder Europawochen, spezielle Kurse, erweiterter
Fremdsprachenunterricht, interkulturelle Integrationsprojekte oder
Austauschprogramme, das entscheidet jede Schule für sich.
Keinesfalls ist der Schüleraustausch vergleichbar mit einer
Abschlussklassenfahrt ins Ausland, einer Shopping- oder
Sightseeingtour. Wer in eine Partnerschule fährt, wohnt in den
Gastfamilien und besucht den Unterricht seines Gastgebers. Der
Grundpfeiler einer Europaschule ist vor allem dieser erlebte
Austausch. Es ist wichtig für junge Leute Sprache anwenden zu
können, in einer fremden Familie andere Wertvorstellungen, eine
andere Kultur, eine andere Mentalität kennenzulernen. Solche
Erfahrungen prägen junge Menschen, öffnen sie für Fremdes, machen
sie vor allem toleranter, nehmen ihnen Ängste vor Unbekanntem.
Volksstimme: Sind Ihre Schüler denn wirklich toleranter und
weltoffener?
Lakotta-Just: Toleranz ist ein Wert, der
Erziehung bedarf. Man bekommt sie nicht in die Wiege gelegt. Mit
zunehmendem Alter entscheidet mein Umfeld, wie ich aufwachse.
Zunächst haben die Eltern großen Anteil daran, auch die Freunde. Und
selbstverständlich die Schule. Es wäre aber Augenwischerei zu
behaupten, an Europaschulen gäbe es keine intoleranten Menschen. Es
gab aber seit 1991 an den mittlerweile 17 Europaschulen in
Sachsen-Anhalt mit hunderten von Austauschschülern keine
ausländerfeindliche Aktivität. Ich denke, das spricht für die
Atmosphäre an den Schulen.
Volksstimme: Spüren Sie bei Ihren
Schülern auch ein bisschen Angst vor dem immer größer werdenden
Europa?
Lakotta-Just: Natürlich. Es gibt eine gewisse Angst
vor der Konkurrenz und der Frage, ob ich gut genug bin. Doch wir
alle müssen uns dieser veränderten gesellschaftlichen Landschaft
stellen. Wir sollten Europa vor allem als große Chance begreifen.
Europaschülern sollte es durch die Ausbildung leichter fallen, sich
in diesem zusammenwachsenden Europa zu behaupten.
Volksstimme: Durch einen geistigen Vorsprung?
Lakotta-Just: Ja. Ich sehe, dass unsere Schüler von einem
Austausch in der Partnerschule und bei den Gasteltern reifer zurück
kommen. Dieses persönliche Erleben ist so wichtig, es erweitert sehr
stark den eigenen Horizont und vermittelt Wissen, das kein Lehrbuch,
keine Schulstunde bieten kann.
Volksstimme: Sachsen-Anhalt
hat seit 1998 drei Bundesfachtagungen deutscher Europaschulen
veranstaltet. Im Bundesnetzwerk Europaschulen, das im November 2004
gegründet wurde und das Thema „Europa im Unterricht“ koordinieren
soll, steht mit Ihnen eine Sachsen-Anhalterin an der Spitze. Warum
ist unser Bundesland so engagiert?
Lakotta-Just: Es gibt
einerseits ein großes Interesse bei Eltern und Lehrern, andererseits
die Unterstützung durch das Kultusministerium, das 1995 einen Erlass
für Schulen mit besonderem Profil ausgeschrieben hat. Schulen
konnten sich auch für das besondere Profil einer Europaschule
bewerben. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit hat dann 1997 das
Kultusministerium zehn Schulen des Landes den Namenszusatz
„Europaschule“ verliehen. Heute sind es 17 Schulen aller
Schulformen, die in einem sehr gut arbeitenden Netzwerk Teamarbeit
leisten. Die Lehrerinnen und Lehrer engagieren sich da weit über das
normale Maß hinaus. Übrigens auch die Eltern, ohne die ein
Austauschprojekt gar nicht denkbar wäre. Das ist ein schöner Erfolg.
Ich sage: Sachsen-Anhalt hat ein gesundes Klima, um Europa wachsen
zu lassen.
Volksstimme: Sie sind leidenschaftliche
Verfechterin für das große, friedliche Haus Europa. Schmerzt Sie die
derzeitige schwere Europa-Krise?
Lakotta-Just: Schmerzen ist
ein falscher Ausdruck. Die Entwicklung bedrückt mich aber sehr.
Europa ist eine Vision, und Visionen sind keine Hirngespinste,
sondern machbare Zielvorstellungen. Aber Europa braucht eben auch
Zeit. Die Menschen müssen sich kennenlernen und die Einheit
verinnerlichen. Wir dürfen das Ganze nicht von oben aufgedrückt
bekommen. Ein Europa per Dekret ist nicht möglich. Wir halten das
mit unserer Schulphilosophie übrigens auch so und hören auf die
Elternschaft, auf die Schüler. Sie entscheiden. Und zeigt sich im
Laufe der Jahre, dass in der Lehrerschaft die Verfechter der
Europaschule weniger werden, das Interesse bei den Eltern geringer
wird, sollte man sich eine Atempause gönnen. Ich glaube, Europa
braucht jetzt diese Atempause zum Überdenken, und da gibt es
einiges, womit die Bürger ganz und gar nicht einverstanden waren.
Volksstimme: Sie sind also gegen eine EU-Erweiterung?
Lakotta-Just: Ich muss in die Menschen hören. Wenn sie eine
Erweiterung aus guten Gründen im Moment nicht befürworten, sollte
das auch akzeptiert werden. Die europäische Idee steht für mich
trotz allem nicht in Frage. Es ist für mich die einzige Chance für
sozialen Frieden.
Volksstimme: Wird die derzeitige Krise
Spuren in der Europaschul-Arbeit hinterlassen?
Lakotta-Just:
Ein wenig schon. „Krise“ kommt aus dem Griechischen und heißt
„schwierige Zeit“. Der gescheiterte Gipfel, die Ablehnung der
EU-Referenden, da wird es schwerer, die Schüler für Europa zu
begeistern. Europaschulen sind weiterhin verpflichtet zu
informieren, aber auch verstärkt mit den Schülern zu diskutieren.
Schlechte Information ist immer auch eine Ursache für Ablehnung und
Desinteresse.
Wir müssen das weite Feld Europa durch Wissen
und Zuneigung, Herz und Verstand erschließen. Das innere Gefühl für
Europa ist ganz, ganz wichtig. Europa ist keine anonyme Sache.
Europa, das ist das Leben der Bürger und ganz speziell das Leben der
jungen Bürger, unserer Kinder und Jugendlichen. Wenn dieses Gefühl
stimmt, kommen wir auch wieder weiter und überwinden diese Krise.
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