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26.11.2005 Welt, Meinung und Debatte:
EVP-Fraktionschef Hans-Gerd Pöttering beschreibt
Perspektiven der EU Strahlendes Europa-Gemälde mit
dunklen Einsprengseln | |
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 Von
Steffen Honig
Es ist ein strahlendes Bild, das Hans-Gert Pöttering von der
Zukunft Europas in einer großen Wertegemeinschaft malt. Der
Christdemokrat aus Niedersachsen führt die Fraktion der Europäischen
Volkspartei (EVP) und der Europäischen Demokraten im Europaparlament
mit 267 Abgeordneten. Am Donnerstagabend spricht er als Gast der
sachsenanhaltischen Europa-Bewegung in Magdeburg über
EU-Perspektiven und tauscht sich darüber mit hiesigen Politikern
aus.
Pöttering plädiert dafür, Europapolitik „mit Herz und
Verstand zu betreiben“. Weder ein rein wirtschaftliches und schon
gar kein bürokratisches Europa dürfe entstehen. Der Hauptwert sei
„die Würde des Menschen“, gekoppelt an das Prinzip der
Subsidiarität, der Hilfe zur Selbsthilfe für die Bedürftigsten und
einen Dialog der Kulturen mit islamisch geprägten EU-Anrainern. Es
entsteht das Gemälde eines Europa-Optimisten von Amts wegen.
Immerhin sitzt Pöttering seit 1979, als das Europäische Parlament
zum ersten Mal direkt gewählt wurde, in der europäischen
Volksvertretung. „Hätte uns damals jemand gesagt, dass 1990 die
deutsche Wiedervereinigung kommt und wir 2004 Staaten des Warschauer
Pakts in die EU aufnehmen, wäre er Illusionist und Spinner genannt
worden“, beschreibt er den immensen Fortschritt der europäischen
Integration seither.
Der Europaparlamentarier mischt jedoch
angesichts der aktuellen Krisenerscheinungen innerhalb der
Europäischen Union auch dunklere Farben mit unter. Die Verfassung
liegt auf Eis, müsse aber unbedingt her, meint Hans-Gert Pöttering.
Wie, weiß er bislang auch nicht, warnt aber davor, die Teile 1 und 2
mit dem Grundrechtekatalog „wieder aufzumachen“. Die gegenwärtige
britische EU-Ratspräsidentschaft bezeichnet er diplomatisch als
„nicht besonders erfolgreich“ und fordert mehr Flexibiltiät in der
Wirtschaft: „Wettbewerbsfähigkeit ist die beste Garantie für
Arbeitsplätze.“
Pötterings Europa-Bild hat einen fest
umrissenen Rahmen, der sich an den Grenzen der Erweiterungsfähigkeit
entlangzieht. Im Falle Rumäniens und Bulgariens sei die Aufnahme in
die EU „so gut wie entschieden“, es gehe nur noch darum, ob es schon
2007 oder erst 2008 dazu komme.
Bei den Balkanländern von
Bosnien-Herzegowina bis Albanien setzt sich der EVP-Fraktionschef
für eine „europäische Orientierung ein“, empfi ehlt aber dringend,
„schrittweise vorzugehen“. Vehement wendet sich Pöttering gegen eine
mögliche EU-Mitgliedschaft der Türkei. Die Europäische Union wäre
damit nach seiner Überzeugung politisch, kulturell, fi nanziell und
geografi sch überfordert. Bei den begonnenen Verhandlungen über eine
Mitgliedschaft müsse eine privilegierte oder sonstigen
Sonderpartnerschaft „von vornherein ins Auge gefassst werden“.
Eine neue Form der Nachbarschaftspolitik müsse auch bei
anderen Staaten gefunden werden. Die Ukraine sei, so Pötterung, zwar
„mehr europäisch als die Türkei“. Aber: „Wir sollten sagen:
Reformiert euer Land, eine Zukunft in der EU hängt von euch selbst
ab.“
Ganz düster sehe es derzeit mit Weißrussland aus. Hier
herrsche die „furchtbare Diktatur von Luschenko“ (gemeint ist Luka -
schenko, d. Red.). Partnerschaft, ja Freundschaft mit Russland
befürwortet der 60-J ährige, erklärt aber: „Russland ist heute ein
autoritär regiertes Land.“
Insgesamt durchlebe die EU „eine
nicht ganz einfache Phase“. Dies ergebe sich aus dem „epochalen
Wandel“ der Jahre 1989/ 90. Pöttering gestaltet weiter sein Bild:
„Wir müssen jetzt Aufräumarbeit leisten und Kurs halten.“
Sachsen-Anhalts Europaminister Rainer Robra (CDU) holt die
Anwesenden vom Zukunftsbild auf den Boden der nüchternen politischen
Praxis zurück. Sicher zeige etwa die Chemierichtlinie eine
„wohltuende Kompromissfähigkeit“ der EU. Scharf geht Robra aber mit
der Arbeitsweise der EU-Kommission ins Gericht: „Ich habe Zweifel,
dass die Kommission schon zueinander gefunden hat“.
Statt
der Konzentration auf das Wesentliche beschäftige sich der Brüsseler
Führungskreis beispielsweise mit den Sportübertragungsrechten im
deutschen Fernsehen. Darüber kann nicht nur Robra den Kopf
schütteln. (VS) |
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